Systemtheorie

Systemische Beratung – Systemtheorie – Systemischer Ansatz – diese Begriffe prägen unser professionelles Denken und Handeln in Training und Beratung am TASeminar. Wissenschaftliche Grundlage des Systemischen Denkens ist die Allgemeine Systemtheorie, die Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde. Ihrem Begründer, dem Biologen Ludwig von Bertalanffy, war es ein Anliegen, gemeinsame Gesetzmäßigkeiten der verschiedensten Wissensgebiete herauszuarbeiten, indem er deren allgemeine Prinzipien beobachtete. Die Systemtheorie ist also eine Metatheorie, die eine Integration von unterschiedlichem Wissen ermöglicht und in den verschiedensten Bereichen anwendbar ist. Unser systemisches Denken und Handeln heute ist damit beeinflusst von Erkenntnissen aus der Physik, Kybernetik, Biologie, Soziologie, Psychologie und vor allem der Systemischen Familientherapie. Zur systemischen Beratung gibt es, wie in anderen Bereichen auch, keine in sich geschlossene Theorie. Vielmehr werden unter der „systemischen Flagge“ heterogene Denk- und Handlungsperspektiven diskutiert. Was macht nun unser Denken und Handeln am TASeminar systemisch-konstruktivistisch?

Die Perspektive der Wirklichkeitskonstruktion

Für den Menschen ist „wahr“, was er wahrnimmt. Gunther Schmid spricht in diesem Zusammenhang auch von „Wahrgebung“ und betont damit, dass Menschen und Organisationen sich aktiv ihre Wirklichkeit erzeugen. Wir haben es also nicht mit der „einzig richtigen objektiven Wirklichkeit“, sondern mit höchst subjektiven Interpretationen und Bewertungen zu tun, durch die der Mensch einer Situation Bedeutung gibt. Das Handeln des Menschen ist Ausdruck dieser individuellen Bedeutung. Als Berater mit systemischen Hintergrund ermöglichen wir eine Auseinandersetzung mit der eigenen „Wahrgebung“, erkunden die Bedeutungen, die unsere KundInnen und KlientInnen relevanten Phänomenen zuschreiben, bieten Hypothesen und neue Bedeutungszuschreibungen an und verstehen Konflikte als ein Aufeinandertreffen verschiedener Wirklichkeitskonstruktionen.

Die Perspektive der Unterschiedsbildung

Wahrnehmung erfolgt über Unterschiedsbildung. Dem Beobachter fällt etwas auf, das anders ist, als er es erwartet hat. Die Fähigkeit zur Neugier und Verwunderung kann so Ausgangspunkt für Bewusstseinsbildung und Veränderung werden. Gregory Bateson nennt dieses Phänomen „den Unterschied, der einen Unterschied macht“. Dieser Unterschied liegt beim Beobachter und nicht in der Sache, die er beobachtet. Ob eine Kuh, ein Spaziergänger oder ein Botaniker eine grüne Wiese betrachten, ändert erstmal nichts an der Wiese. Aber was jeder dieser Betrachter wahrnimmt und welches Verhalten er daraus ableitet, das wirkt auf die Wiese – und auf den Beobachter - zurück.

Die Perspektive der Wechselwirkungen und Kontextbezug

Der Systemansatz definiert den Menschen über seine Beziehungen zu sich und zu seinen Mitmenschen als Teil eines Systems, z.B. einer Organisationseinheit. Innerhalb dieses Umfelds nimmt das Individuum bestimmte Rollen ein, unterliegt Einschränkungen, nimmt Freiräume in Anspruch, kurz: steht in besonderen, vom  System mitgestalteten Wechselbeziehungen zu seinen Mitmenschen.

Um das Handeln von Menschen verstehen zu können, dürfen wir dieses Handeln nicht isoliert betrachten, sondern berücksichtigen den Kontext, innerhalb dessen es stattfindet. Das Handeln einer Führungskraft ist somit vor dem Hintergrund der Führungskultur im Unternehmen zu verstehen oder vor dem Hintergrund seines eigenen Geführtwerdens. Je nachdem welchen Kontext wir wählen, erhält das Handeln eine neue Bedeutung.

Uns leitet dabei die Annahme, dass Menschen immer so handeln, wie es für sie in ihrem Kontext und Bezugsrahmen sinnvoll ist. Damit ist jedes Tun bzw. Nicht-tun ein auf ein Ziel hin ausgerichtetes Handeln. Was uns – auf den ersten Blick – möglicherweise als „sinnloses“ Handeln auffällt, bekommt aus dieser Perspektive betrachtet Sinn. Hält ein Professor in einem Vortragsraum beispielsweise eine Rede, so ist dieses Handeln an sich nicht verwunderlich. Wir fühlen uns eingeladen, zuzuhören und mitzudenken. Hält die gleiche Person jedoch diese Rede auf dem Hauptbahnhof, so führt diese Kontextveränderung zu Irritation und gegebenenfalls zu anderen Handlungen des Umfelds, z.B. dem Benachrichtigen der Polizei. An der Person und ihrem Handeln hat sich nichts geändert. Lediglich die Veränderung des Kontextes bewirkt eine neue Interpretation und Bewertung der Situation.

Die Perspektive der Ressourcen- und Lösungsorientierung

In der systemischen Praxis haben Ressourcen- und Entwicklungsorientierung meist Vorrang vor Defizitorientierung und Problembeseitigung. Betrachten wir ein Problem als vom Menschen erzeugte Wirklichkeit, die nicht an sich existiert, sondern aktiv vom Betrachter konstruiert wird, so liegt nahe, dass der Mensch auch die Fähigkeit hat, eine Lösung zu konstruieren. Die Fragen nach "dem Guten im Schlechten", nach positiven Zukunftsbildern und Möglichkeiten laden ein, neue Perspektiven einzunehmen, den Blick auf Kompetenzen und Lösungen zu richten und auf diese Weise Bewegung in eingefahrene Denk- und Handlungsschienen zu bringen.

Die Perspektive der Selbstorganisation

Soziale Systeme (Menschen und Organisationen) sind von außen zwar beeinflussbar, aber nur bedingt steuerbar. Sie haben ein Eigenleben – die Bestandteile bedingen sich gegenseitig und sind auf Erhalt und Stabilität ausgerichtet. Veränderungen sind demgemäß nur in der Weise möglich, wie sie in der Eigengesetzlichkeit (im Wesen der Systeme) vorgesehen sind, bzw. aus den angelegten Eigendynamiken hervorgehen können. Externe Einwirkungen auf solche Systeme werden folglich als Anreize für neue Formen einer möglichen Selbstorganisation betrachtet, deren Wirkung nur bedingt vorhersagbar ist.

Gregory Bateson illustrierte mit folgender Geschichte, dass man lebende Systeme nicht steuern kann: „Wenn man einen Stein, dessen Gewicht, Form und Größe bekannt ist, in einem bestimmten Winkel mit einer bestimmten Kraft tritt, dann kann man ziemlich genau vorhersagen, in welcher ballistischen Flugbahn der Stein fliegen und wo er landen wird. Wenn man jedoch einen Hund tritt, ist das anders.“

Für uns als systemische Berater wirkt sich diese Perspektive insofern entscheidend aus, dass wir uns – bei allem Selbstbewusstsein – der Grenzen unserer Interventions-möglichkeiten bewusst sind und Bescheidenheit Teil unserer beraterischen Haltung ist.

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